Bioenergetik und ethische Prinzipien

Alexander Lowen, Bioenergetik - Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper; Rowohlt Taschenbuch Verlag; Reinbeck bei Hamburg; 1979, Neuausgabe Juni 2008. (S. 372-375) [alle fett gedruckten Hervorhebungen durch den Zitierenden]

 

Das Bild mit dem Blub aus Prinzip"Ein Prinzip funktioniert wie die Unruh einer Uhr, die dafür sorgt, dass der regelmäßige Rhythmus des Mechanismus gewahrt bleibt. Das Prinzip wahrt das Gleichgewicht von Denken und Fühlen, sodass zwischen beiden eine Harmonie besteht, die nicht ständig und bewusst kontrolliert werden muss. Prinzipien tragen zu einem geordneten Leben bei; ohne Prinzipien gäbe es, davon bin ich überzeugt, nur Unordnung und Chaos.
Mir scheint, dass ohne Prinzipien kein ausgeglichenes oder harmonisches Leben möglich ist. Man würde von einem Extrem ins andere fallen, die Mittel mit dem Zweck rechtfertigen und den Launen des Augenblicks folgen. Menschen mit Prinzipien gehen diesen Extremen aus dem Weg, weil das Prinzip die Harmonie der Gegensätze und die Integration von Denken und Fühlen verkörpert. Es ist das Gleichgewicht, das für den glatten Fluß des Lebens sorgt.
Wir müssen begreifen, dass wahre ethische Prinzipien nicht durch Moralpredigten, Drohungen oder Strafen eingebläut werden können. Mit solchen Mitteln erreicht man höchstens, dass ein Mensch nicht lügt, weil er sich vor den Folgen fürchtet. Er muss die Entscheidung dann aber in jeder Situation neu treffen. Etwas anderes ist es, wenn er ein Prinzip hat, das ihm den Konflikt erspart. Außerdem stört die Intervention einer äußeren Kraft - ob in Form einer Moralpredigt oder einer Drohung - die innere Harmonie und macht es dem Menschen schwerer, die innere Überzeugung zu gewinnen, die für das Prinzip notwendig ist. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Prinzipien sind kein Gebote, sondern Überzeugungen.


...Von Prinzipien redet man bei der Therapie erst, wenn der Körper durch eine substanzielle Verminderung seiner Muskelverspannungen und Sperren in das Stadium der Lust zurückgekehrt ist...

 

Meiner Ansicht nach ist es kein Fehler, dass die Gesellschaft versucht, jungen Leuten ethische Prinzipien nahezubringen. Jede Generation bemüht sich, ihre Erfahrungen an die nächste weiterzugeben, um ihr den Weg durchs Leben zu erleichtern. Prinzipien wie die Zehn Gebote gingen aus dem Erfahurngsschatz eines ganzen Volkes hervor. Man kann Prinzipien aber nur dann wirksam vermitteln, wenn man aus tiefster Überzeugung oder aus tiefstem Gefühl an sie glaubt, wenn man sie also ständig selbst befolgt.
Wenn die ältere Generation, die von ihr gepredigten Prinzipien nicht uneingeschränkt selbst anwendet, werden die Jüngeren an ihnen zweifeln. Entsprechend hat es auch keinen Sinn, einen Körper, der Schmerzen leidet, mit Prinzipien zu trösten. Ein Prinzip dient nicht dazu, den Menschen mit seinem Leid zu versöhnen. Es soll vielmehr für die innere Harmonie sorgen, die ein ausgeglichenes und freudiges Leben ermöglicht...

 

Bioenergetisch gesehen ist ein Prinzip der Fluß von Erregung oder Energie, der Kopf, Herz, Geschlechtsorgan und Füße in einer ununterbrochenen Bewegung vereint. Es verschafft einem das Gefühl, alles habe eine Ordnung, weil man sich verbunden, intakt und integriert vorkommt. Man braucht niemanden mehr, der die Gültigkeit des Prinzips bestätigt: Man fühlt einfach, dass es gültig ist. Dieses Gefühl beruht auf innerer, persönlicher Überzeugung und läßt sich nicht von außen vermitteln.

Das größte Problem unserer Gesellschaft besteht vielleicht darin, dass so viele Menschen keine bzw. nicht genug ethische Prinzipien haben."


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