Gustav Theodor Fechner - Die Allbeseeltheit der Universums

Gustav Theodor Fechner (1801-1887) war von Haus aus Physiker, Mediziner, Philosoph und Psychologe (er gilt als der Vater der Experimentellen Psychologie).
Als Professor für Physik lehrte er an der Universität Leipzig und verfasste ein Vielzahl von Schriften zu unterschiedlichsten Themenfeldern. Über die Jahre entwickelte er sich mehr und mehr zum nicht anerkannten Außenseiter im damaligen Wissenschaftsbetrieb.


Sein Neffe und Biograph (J. E. Kuntze Juraprofessor in Leipzig, 1892) verkannte seine Weitsicht ebenfalls indem er über ihn schrieb:


"Mit dem Ganzen seiner Weltanschauung stand er fast allein. Und daß er damit die Welt der Geister erobert hätte, dazu fehlt es ihr schließlich doch an der Energie der Allseitigkeit. Sein Denken umspannte mit weitem Blick den physischen, den psychophysischen Kosmos: aber der historische Kosmos war ihm verschlossen. Wie dereinst die Aufklärer, interessirte ihn die Natur und das Seelenleben des Einzelnen; die Geschichte und ihre großen Gestalten ließen ihn kühl. Wo er über das Individuum hinaus seelische Gesammtgebilde suchte, da fand er sie nicht in den Geschicken der Völker, sondern in den Planetenseelen und in dem Allbewußtsein Gottes."


Fechner selbst schreibt:


"Lebendiges wird von Lebendigem erzeugt, Beseeltes nur von Beseeltem, Geistiges nur von Geistigem hervorgebracht. Der Satz von der Erhaltung der Energie gilt auch im Bereich des Geistes."

"Ich sterbe mit der Überzeugung, dass Religion und Naturwissenschaft sich versöhnen, dass dem Pessimismus entgegengetreten wird und dem Materialismus die Waffen entwunden werden."

 

"Die Kinder wollen, wenn sie klein sind, eine Gans gewöhnlich nicht für einen Vogel gelten lassen. Die Gans singt und fliegt ja nicht. Was sind wir anders als solche kleine Kinder, wenn wir die Pflanzen nicht für beseelte Wesen gelten lassen wollen, weil sie ja nicht sprechen und laufen."

 

"Ich stand einst an einem heißen Sommertage an einem Teiche und betrachtete eine Wasserlilie, die ihre Blätter glatt über das Wasser gebreitet hatte und mit offener Blüte sich im Lichte sonnte. Wie ausnehmend wohl müßte es dieser Blume sein, dachte ich, die oben in die Sonne, unten in das Wasser taucht, wenn sie von der Sonne und dem Bade etwas empfände. Und warum, fragte ich mich, sollte sie nicht? Es schien mir, daß die Natur wohl nicht ein Geschöpf für solche Verhältnisse so schön und sorgsam gebaut hätte, um es bloß als Gegenstand müßiger Betrachtung darzustellen, zumal da tausend Wasserlilien verblühen, ohne daß sie jemand betrachtet; viel mehr mutete mich der Gedanke an, sie habe die Wasserlilie deshalb so gebaut, um die vollste Lust, die sich aus dem Bade im Nassen und Lichten zugleich schöpfen läßt, auch einem Geschöpfe in vollstem Maße zugute kommen, von ihm recht rein durchempfinden zu lassen."

 

In seinem "Resume" schreibt er schließlich unter "10)":


"Es ist wahrscheinlich, daß das Seelenleben der Pflanzen noch viel mehr ein rein sinnliches ist als das der Tiere, welche, wenn auch nicht Vernunft und Selbstbewußtsein, doch noch Erinnerung des Vergangenen und Voraussicht des Zukünftigen haben, während das Pflanzenleben wahrscheinlich im Fortleben mit der Gegenwart aufgeht, ohne deshalb in der Allgemeinbeseelung aufzugehen. Statt daß aber das Sinnesleben der Pflanzen minder entwickelt als das der Tiere wäre, mag es noch mehr entwickelt sein (XIV.)."

 

Und:

 

"Ich kam heute zu einem Begräbnis hinzu: Ein Prediger stand am Grabe auf dem Hügel frisch ausgegrabener Erde und redete über den Spruch (Kor. I. 15, 36–37): "Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn. Und das du säest, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, nämlich Weizen oder der andern eins." Zwei lange Palmzweige, vom Sarg abgenommen, lehnten innen am Geländer, das die Grabstätte umgab, und wehten mit grünen Fahnen hoch über die schwarzen Gitterstäbe hinaus; viel Blumenkränze, die auch zuvor den Sarg geschmückt, hingen an den Gitterstäben umher. Der Redner pries laut die Tugenden des Verstorbenen; indes flog eine Biene an den Kränzen herum, leis, doch wie unmutig summend, in allen Blumen suchend, in keiner mehr findend, was sie suchte; denn die Quellen des Duftes und der Süße waren versiegt; ein Schmetterling aber schwang sich, unbekümmert um die verdorrenden Quellen seiner früheren Freuden, über die Kirchhofsmauer ins Weite. An einem Kranze sah ich Tropfen hängen, ihn frisch zu erhalten, und in ein paar Augen Tränen, die wohl dort und hier bald trocknen mochten; dann welkten Blumen und Erinnerungen. Eine Trauerweide schattete über das benachbarte Grab, ihre Wurzeln aber reichten zerstochen ins frische Grab; sie sollte neu und nicht umsonst zu trauern scheinen. Eine weiße Tafel, von grünem Efeu umsponnen, nannte das Geschlecht derer, die sich hier zu ihren Vätern sammelten. So beging die Pflanzenwelt das Begräbnis eines Menschen mit."

 

(aus: Nanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen von Gustav Theodor Fechner; Leipzig 1848; Hrsg. Leopold Voss 1921)

 

 

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