Wer meint Gutes zu tun, bezeichnet sich gelegentlich auch als selbstlos. Dahinter steckt jedoch meist eine Art Selbstwerdung. Wirklich selbstlos Gutes zu tun, käme der Selbstaufgabe gleich. Da es auf diesem Planeten um Selbstwerdung und Selbstermächtigung geht, kann die Selbstaufgabe kein Ziel sein. Gutes zu tun wirkt besser, wenn das Ego im Hintergrund bleibt. Hier liegt die Schnittstelle. Wer Millionen verschenkt oder jährliche Spendenshows arrangiert um großformatig in den Medien zu erscheinen, der/die hat nur begrenzt Gutes im Sinn. Hier geht es um Öffentlichkeitsarbeit und persönliches Gutmenschentum. In der Summe ist es besser als Kriegswaffenherstellung, aber eben keineswegs ohne egoistischen Hintergedanken.

In vielen Fällen hat selbstloses Gutmenschentum auch mit anderen psychologischen Grundgegebenheiten zu tun:

  • die Bewältigung von Trauer
  • die Ablenkung von negativen Aktivitäten
  • eine verquere Selbstwahrnehmung
  • ein narzistisches Bedürfnis nach Anerkennung

Wer macht sich nicht gelegentlich Gedanken über den Sinn oder/und den Zweck seines Handelns. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird meistens zwischen Sinn und Zweck nicht unterschieden. Bei genauerer Betrachtung lässt sich jedoch ein großer Unterschied ausmachen.

  • Beginnen wir mit dem Zweck einer "Übung": Es ist das, was jemand mit seiner Handlung zu erreichen, zu bewirken sucht, gleichsam das Ziel seiner "Übung". Wenn es nicht gelingt, dann ist es zwecklos.
  • Der Sinn hingegen steht eher für Absicht, Bedeutung und Inhalt der Handlung.

Wenn an einem Automaten geschrieben steht: "Diebstahl zwecklos. Automat wird täglich geleert!" Dann zielt dies eindeutig auf den Versuch des sich Bereicherns ab. Es ist also zwecklos, weil im Automaten kein Geld gefunden würde. Sinnlos wäre es nicht zwingend, weil die Absicht des Diebstahls auch eine vertiefte Botschaft in sich tragen könnte, nämlich z.B. darauf aufmerksam zu machen, dass Automaten unmenschlich sind.

Seit dem Wochenende hat die Tour de France 2018 ihre Pforten geöffnet. Hunderttausende wohnen dem  21tägigen Radspektakel durch die schönsten Gegenden Frankreichs bei. Zugegebenermaßen auch ich als ehemaliger Amateurrennfahrer. Alle wissen, dass mit unrechtmäßigen Substanzen gearbeitet wird. Alle wissen, dass die Funktionäre (gibt es eigentlich auch Funktionär*Innen) mehr Dreck am Stecken haben als ihnen lieb sein sollte, und alle wissen, dass die Ehrlichen und Aufrechten wohl nur beim scheinheiligen Kommentieren ein Wörtchen mitzureden haben.

Trotzdem zieht sie uns magisch an und übt jedes Jahr den gleichen Reiz und vielleicht eine steigende Anziehungskraft auf uns aus. Da kämpfen Männer mit schnellen Beinen und rasanter Technik unter dem A...um die längste Ausdauer und die schnellsten Sprints. Da wird personell und intellektuell taktiert bis zur Einfahrt in die Hauptstadt. Täglich erwarten uns neue Überraschungen: Kittel im grünen Trikot, dann die Fahrradpanne und aus und vorbei der Traum von Gelb. Fromm bollert aus der Spur und verliert eine Minute auf die Rivalen. Auch die werden gebeutelt - Quintana hat technische Probleme, andere stürzen...

Des einen Glück ist des anderen Not. Was Herr Müller als Glück empfindet, mag für Frau Maier auch freudig belegt sein, aber ein rechtes Glücksgefühl mag bei ihr nicht aufkommen. Glücksempfinden ist abhängig von vielen Parametern:

  • die eigene Erwartung
  • das eigene Erleben
  • die individuelle Sensorik

Des einen Glück ist also nicht genau des anderen Glück. Glück ist hochsubjektiv: 'Eines Tages geht dem Bauern das Pferd verloren. Es ist plötzlich verschwunden. Er ärgert sich über den Verlust und meint gerade in einer Pechsträne zu sein. Das Pferd taucht Tage später mit zwei jungen Wildpferden wieder auf. "Was für ein Glück", denkt der Bauer. Beim Versuch eines der Pferde einzureiten stürzt sein Sohn und bricht sich ein Bein. "Was für ein Pech", denkt der Bauer. Am Folgetag kommt ein Rekrutierungskommando ins Dorf, um kriegstaugliche junge Männer mitzunehmen. Der Sohn des Bauern wird ob seiner Verletzung verschont. "Was für ein Glück", denkt der Bauer...'

Fragt mich neulich mein Neunjähriger: "Papa, wo liegt eigentlich die Würde?" "Erwischt", dachte ich mir und versuchte Zeit durch einen fragenden Blick zu gewinnen. "Na ja, die reden alle von Würde", meinte mein Zögling; "in der Kirche sagen sie zum Beispiel: Ich bin nicht würdig...! Und wenn ich nicht würdig bin, dann habe ich auch keine Würde, oder!? Ich blickte immer verdutzter und er fuhr fort: "In der Schule haben sie jetzt gesagt, dass das Fußballspiel der Deutschen unseres Landes unwürdig gewesen sein soll. Das habe ich dann überhaupt nicht mehr verstanden."

Ich versuchte eine Erklärung, die sich etwa wie folgt anhörte: Würde hat ursprünglich mit dem Wert, dem Rang, dem Verdienst und dem Ansehen einer Person zu tun. Als Menschenwürde wird sie jedem Menschen beigemessen und ist unabhängig von seinen Leistungen für wen auch immer. Der Mensch als solches, in seinem Sosein, seinem SELBST misst sich also eine Würde zu. Im Prinzip ist es ein theoretisches Konzept, das auf zwei Säulen fußt.

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