Des einen Glück ist des anderen Not. Was Herr Müller als Glück empfindet, mag für Frau Maier auch freudig belegt sein, aber ein rechtes Glücksgefühl mag bei ihr nicht aufkommen. Glücksempfinden ist abhängig von vielen Parametern:

  • die eigene Erwartung
  • das eigene Erleben
  • die individuelle Sensorik

Des einen Glück ist also nicht genau des anderen Glück. Glück ist hochsubjektiv: 'Eines Tages geht dem Bauern das Pferd verloren. Es ist plötzlich verschwunden. Er ärgert sich über den Verlust und meint gerade in einer Pechsträne zu sein. Das Pferd taucht Tage später mit zwei jungen Wildpferden wieder auf. "Was für ein Glück", denkt der Bauer. Beim Versuch eines der Pferde einzureiten stürzt sein Sohn und bricht sich ein Bein. "Was für ein Pech", denkt der Bauer. Am Folgetag kommt ein Rekrutierungskommando ins Dorf, um kriegstaugliche junge Männer mitzunehmen. Der Sohn des Bauern wird ob seiner Verletzung verschont. "Was für ein Glück", denkt der Bauer...'

Seit dem Wochenende hat die Tour de France 2018 ihre Pforten geöffnet. Hunderttausende wohnen dem  21tägigen Radspektakel durch die schönsten Gegenden Frankreichs bei. Zugegebenermaßen auch ich als ehemaliger Amateurrennfahrer. Alle wissen, dass mit unrechtmäßigen Substanzen gearbeitet wird. Alle wissen, dass die Funktionäre (gibt es eigentlich auch Funktionär*Innen) mehr Dreck am Stecken haben als ihnen lieb sein sollte, und alle wissen, dass die Ehrlichen und Aufrechten wohl nur beim scheinheiligen Kommentieren ein Wörtchen mitzureden haben.

Trotzdem zieht sie uns magisch an und übt jedes Jahr den gleichen Reiz und vielleicht eine steigende Anziehungskraft auf uns aus. Da kämpfen Männer mit schnellen Beinen und rasanter Technik unter dem A...um die längste Ausdauer und die schnellsten Sprints. Da wird personell und intellektuell taktiert bis zur Einfahrt in die Hauptstadt. Täglich erwarten uns neue Überraschungen: Kittel im grünen Trikot, dann die Fahrradpanne und aus und vorbei der Traum von Gelb. Fromm bollert aus der Spur und verliert eine Minute auf die Rivalen. Auch die werden gebeutelt - Quintana hat technische Probleme, andere stürzen...

Fragt mich neulich mein Neunjähriger: "Papa, wo liegt eigentlich die Würde?" "Erwischt", dachte ich mir und versuchte Zeit durch einen fragenden Blick zu gewinnen. "Na ja, die reden alle von Würde", meinte mein Zögling; "in der Kirche sagen sie zum Beispiel: Ich bin nicht würdig...! Und wenn ich nicht würdig bin, dann habe ich auch keine Würde, oder!? Ich blickte immer verdutzter und er fuhr fort: "In der Schule haben sie jetzt gesagt, dass das Fußballspiel der Deutschen unseres Landes unwürdig gewesen sein soll. Das habe ich dann überhaupt nicht mehr verstanden."

Ich versuchte eine Erklärung, die sich etwa wie folgt anhörte: Würde hat ursprünglich mit dem Wert, dem Rang, dem Verdienst und dem Ansehen einer Person zu tun. Als Menschenwürde wird sie jedem Menschen beigemessen und ist unabhängig von seinen Leistungen für wen auch immer. Der Mensch als solches, in seinem Sosein, seinem SELBST misst sich also eine Würde zu. Im Prinzip ist es ein theoretisches Konzept, das auf zwei Säulen fußt.

Natürlich war es damals ein Fehler, als ich mit meinem ersten Knirps vor dem Tor stand und ihm den Ball zuschnipste. Irgendetwas hätte ich - meiner Frau gemäß - an diesem Nachmittag mit ihm unternehmen sollen. Spazierengehen wäre anstrengend geworden. Mit zwei Jahren laufen die in alle Himmelsrichtungen. Aber mit einem Ball bewaffnet, gelang es mir ihn im Zaum zu halten. Er folgte dem rollenden etwas wie eine Katze der Maus.

Jetzt ist er erwachsen und genauso fußballkrank wie sein Vater (das war der Fehler).

Die nächste Aufzuchtgeneration liegt epigenetisch näher am väterlichen Talent und spielt bereits im "gehobenen Ortsverein" mit der Perspektive auf überregionale Ereignisse. Hier gilt es bereits erste Herausforderungen auf dem Spielfeld zu bestehen - die zwischen den Elternblöcken, die zum Wohle der spielenden Zöglinge Partei stehen. Schiedsrichterdasein fokussiert sich dann meist auf die Lokationen außerhalb des Spielfeldes, wo Meinungsverschiedenheiten und persönliche Kränkungen beizulegen und zu beseitigen sind.

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